10 ORIENTIERUNGEN FÜR DEN WEG
Zu jeder Lebenszeit und an jedem Ort sind Menschen herausgefordert, das Evangelium von Jesus Christus zu leben. So gewinnt jedes einzelne Leben Sinn und Gestalt. Evangelisches Christsein ist bestimmt von Freiheit und einem hohen Maß an Individualität. Der Reichtum christlichen Glaubens spiegelt sich auch in der Vielfalt von Lebensentwürfen.
Die 10 Orientierungen sind entstanden aus dem Wunsch nach gemeinsamer Verabredung. Sie sind Markierungen und Verabredungen für einen gemeinsamen Weg aller, die regelmäßig oder zu besonderen Anlässen in der Hauptkirche St. Petri zu Hamburg Station machen. In gemeinsamen Treffen gibt es einen Austausch derer, die sich mit den 10 Orientierungen auf ihren Lebensweg begeben. Ein Rückfluss von Erfahrungen wird zu Überprüfung und Veränderung einzelner Formulierung dieser Orientierung führen.
1. GEBET UND WORT
Der Mensch lebt von einem jeden Wort Gottes. Mt. 4,4 Betet ohne Unterlass. 1. Thess. 5,17
Die Bibel ist die Grundlage christlichen Glaubens. In ihr offenbart Gott sein Wesen. Versuche, im Wort Gottes heimisch zu werden. Du wirst darin deine eigene Lebensgeschichte entdecken und Orientierung für dein Leben finden. So wird dein Vertrauen zu Gott und zum Leben wachsen. Nimm die Bibel beim Wort, ohne zu vergessen, dass sie auch historisch geprägt und von Menschen geschrieben ist. Aussagen, die von Kultur und Gesellschaftsform abhängig sind, müssen auf ihre heutige Bedeutung hin geprüft werden. Maßstab für diese Prüfung ist der Geist Jesu Christi. Gebet ist die Haltung, in der sich der Mensch für die Gegenwart Gottes öffnet. Es ist der Raum der intimsten Beziehung zu Gott. Das Gebet kann unterschiedliche Gestalt haben: Schweigen, Dank, Klage, Lob, Bitte. Es ist hilfreich, sich dafür eine tägliche Zeit der Stille zu nehmen. Der gemeinsame Gottesdienst eröffnet Begegnungen mit Gottes Wort und Erfahrungen des Gebets, die über den persönlichen Rahmen hinausgehen.
2. WAHRHEIT UND BEGEGNUNG
Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis machen. 2. Mose 20, 2ff
Einen anderen Grund kann niemand legen, als der, der gelegt ist: Christus. 1. Kor. 3,11
Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, spricht
Jesus Christus. Joh. 14, 6
Die Wahrheit des Glaubens ist zuallererst Person: In Jesus Christus begegnet sie dir. Er fordert dich auf, ihm nachzufolgen. Wenn du dich der Wahrheitssuche aussetzt, wirst du dein ganzes Leben hindurch lernen. Sei stets bereit zu Austausch und Verständigung. Sei offen für andere und ihre Ansichten und lerne sie zu respektieren, auch wenn du sie nicht teilst. Sei dir bewusst, dass auch religiöse Lehrmeinungen, festgelegte Denksysteme und Bilder Götzen sein können. Selbst wenn sie richtig erscheinen, sind sie nur Hilfsmittel zur Orientierung und keine absoluten Wahrheiten.
3. GEISTESFRUCHT UND SELBSTDISZIPLIN
Die Frucht des Geistes ist Friede und Freude. Gal. 5,22
Verliere dich nicht in Zerstreuung. Praktiziere Übungen der Achtsamkeit, die dir helfen, ganz in der Gegenwart zu leben (ganz gegenwärtig zu sein). Sei in Kontakt mit dem Erfrischenden, Heilenden und Wunderbaren in dir und um dich. Unterstütze den Geist des Friedens und der Freude, wie ein Gärtner das Wachsen der Pflanzen in seinem Garten unterstützt. Damit erleichterst du die Arbeit der (Ver-) Um-wandlung in den Tiefen deiner Seele und Friede, Freude und Verstehen können in dir wachsen.
4. VERGEBUNG UND VERSÖHNUNG
Selig sind die Friedensstifter. Mt. 5,9
Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen. Mt. 5,44
Sei bereit zur Vergebung und zur Versöhnung. Unvergebene Schuld ist eine schwere Last, sowohl für den, dem nicht vergeben wurde, als auch für den, der sie nachträgt. Hass ist eine zerstörerische Kraft für den einzelnen wie für die Gemeinschaft. Suche, wenn möglich, das Gespräch mit dem Menschen, der negative Gefühle in dir hervorruft.
Dabei versuche zu erkennen, ob die Ursachen dafür nicht auch in dir selbst liegen. Häufig werden wir durch andere mit unangenehmen Erfahrungen aus der eigenen Vergangenheit konfrontiert. Unternimm jede Anstrengung zur Versöhnung und zur Lösung von Konflikten, wie klein sie auch immer sein mögen.
5. BESITZ UND TEILEN
Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden. Niemand kann zwei Herren dienen. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon (d.h. Macht des Geldes). Mt. 6, 19+24
Mach dich frei von dem Gedanken, Reichtum, Gewinn, Macht oder Ruhm seien wesentliche Ziele deines Lebens. Geh verantwortungsvoll um mit den Gaben, die Gott dir schenkt. Gib angemessen ab von deiner Zeit, deiner Energie und deinen materiellen Gütern.
6. LEID UND MITGEFÜHL
Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. Mt. 5,4 Was ihr dem geringsten dieser meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Mt. 25, 40 Wenn ein Glied leidet, so leiden alle anderen mit. 1. Kor. 12,26
Leiden in vielfältiger Gestalt gehört zu unserem Leben. Deshalb verschließe dich nicht davor. In deiner nächsten Umgebung sei denen nahe, die in irgendeiner Weise Leid tragen. Nimm auch das Leid in der Welt wahr und finde einen Weg, engagiert damit umzugehen.
7. GERECHTIGKEIT UND LEBENSSTIL
In der Welt aber nicht von der Welt. Joh. 17, 16
Als Teil der Gemeinschaft der Gläubigen bist du „in der Welt“ und ihr nicht entnommen. Darum ist es notwendig, einen klaren Standpunkt in den Bereichen Gerechtigkeit, Unterdrückung, Umweltverantwor-tung, Besitz, Politik usw. zu entwickeln, der von dem Geist Jesu geprägt ist. Tue dein Möglichstes, das Leben zu schützen, Krieg und die Bereicherung auf Kosten anderer zu verhindern.
8. LEIB UND SEELE
Euer Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes. 1. Kor. 6,19
Der Leib ist ein kostbares Geschenk Gottes. Missachte und misshandle deinen Körper nicht. Tu deinem Leib etwas Gutes, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen (Teresa von Avila).
Gesundheit ist eine geistliche Aufgabe. Der Leib ist mehr als Instru-ment und hat seine eigenen Bedürfnisse. Dazu gehört auch Sexualität. Sie sollte nicht ohne Liebe, Achtung und Verantwortung vor dem Partner gelebt werden. Aus Liebe zum anderen achte seine/ihre Rechte.
9. GEMEINSCHAFTLICHES LEBEN
Ihr aber untereinander seid alle Brüder und Schwestern Mt. 23, 8 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet werden. Lk. 6, 36f
Geschwisterliches Leben ist eine Herausforderung. Lass dich unter keinen Umständen davon abhalten, diese Herausforderung immer wieder neu anzunehmen. Sprich keine Worte, die Zwietracht säen und die Gemeinschaft zerstören. Unternimm jede Anstrengung zur Versöhnung und zur Lösung von Konflikten. Habe den Mut, Unge-rechtigkeiten und Probleme anzusprechen, selbst wenn dies deine eigene Position, Ruhe oder Sicherheit gefährden könnte.
Gemeinsam gefeierte Gottesdienste erschließen immer wieder aufs Neue die Quellen und den Reichtum geschwisterlichen Lebens, darum versuche regelmäßig daran teilzunehmen.
10. LIEBE ALS MASS
So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. Röm. 13, 10
Für alle Fragen, die zu entscheiden sind, gilt das Gebot der Liebe. Es entfaltet sich in dreifacher Beziehung: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. (Mt. 22, 37ff) Alle Regeln und Gesetze haben darin ihren Maßstab, ihre Ausrichtung wie ihre Grenze. Der Kirchenvater Augustinus konnte dies sogar in dem radikalen Satz zusammenfassen: „Liebe und tue, was du willst!“
Weitere Informationen:
Pastor Rolf-Dieter Seemann, Telefon: 040- 32 57 40 14 oder 040- 768 53 13
