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"BLEIB ERSCHÜTTERBAR – DOCH WIDERSTEH"


Dieser Sommer war lang und groß und hat vielen Menschen Freude und Erholung bereitet. Dieser Sommer war aber auch eine Zeit der besonders prägenden und bewegenden (Schlag)Worte. „Zurückweisen“ (als gäbe es für viele Geflüchtete einen Ort, an den sie so einfach zurückkehren könnten), „Asyltourismus“, „Beihilfe zur Schlepperei“(durch Seenotretter und Flüchtlingshelfer), „Migration, die Mutter aller Probleme“ sind nur einige davon. Das ist eigentlich nichts Neues: Schon mit der Bezeichnung eines Sachverhaltes kann Stimmung gemacht werden. „Framing“ wird in der Kommunikationswissenschaft der Versuch genannt, durch die Wortwahl Anderen eine bestimmte Sicht der Dinge nahelegen oder aufdrängen zu wollen. Wie gesagt, das ist nicht neu. Bedenklich ist aber, dass dabei die Grenze zwischen gerade noch Sagbarem und Unsäglichem immer mehr verwischt. Ebenso bedenklich, wie sich dies in entsprechend unsäglichen Aktionen zeigt.

Gleichzeitig stellen sich viele die Frage, wie sie sich wehren können gegen die Apathie, Verhinderungspolitik, Menschenverachtung und den Egoismus unserer Zeit. Sie demonstrieren gegen die Toten im Mittelmeer, gegen die Rechtsverschiebung in diesem Land, gegen Übergriffe auf (vermeintliche) Migrantinnen und Migranten, schaffen Plattformen wie „#metwo“ und sehen sich doch hilflos einer Politik gegenüber, die Stück für Stück die Demokratie zu zerlegen scheint. Das Wort des Herbstes und aller folgenden Jahreszeiten sollte daher „WIDERSTAND“ sein.

Widerstand beginnt im Kopf, beginnt damit, dass man sich der eigenen Mut- und Hilflosigkeit so wenig beugt wie den Schlagworten und dem Drang der Masse. Widerstand ist eine Geisteshaltung, die man einüben kann. Widerstand kann nur eine Bewegung in Richtung Freiheit sein, die ihre Grenze an der Freiheit der anderen hat. Wenn die Würde eines Anderen verletzt, wenn er gar in den Dreck getreten wird, man dabei auch noch seine Lust hat, kann von Widerstand nicht die Rede sein, ganz zu schweigen von Freiheit. Allein: Wie kommen wir zum Tätigkeitswort?

„Bleib erschütterbar – doch widersteh!“ – dieser Vers aus einem Gedicht Peter Rühmkorfs mag einem dazu in den Sinn kommen. Oder, in vergleichbarer Geisteshaltung geschrieben, ein Satz von Immanuel Kant: “Aufklärung heißt: Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes ohne Anleitung eines anderen
zu bedienen.“ Seiner Sache gewiss sein, die eigene Position zur Debatte stellen, dialogisch bleiben, nicht ideologisch oder gar diktatorisch denken und handeln – darum geht es.

Viel findet sich auf Anhieb nicht, wenn man nach den Worten „Widerstand/widerstehen“ in der Bibel sucht. Aber dieser Vers aus dem 1. Petrusbrief: Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade. (1.Petrus 5,5) Noch passender in die derzeitige Situation spricht ein Abschnitt aus dem Buch der Sprüche, der als Querverweis zur neutestamentlichen Bibelstelle angegeben wird: „Versag keine Wohltat dem, der sie braucht, wenn es in deiner Hand liegt, Gutes zu tun. Wenn du jetzt etwas hast, sag nicht zu deinem Nächsten: Geh, komm wieder, morgen will ich dir etwas geben. Sinne nichts Böses gegen deinen Nächsten, der friedlich neben dir wohnt. Bring niemand ohne Grund vor Gericht, wenn er dir nichts Böses getan hat. Beneide den Gewalttätigen nicht, wähle keinen seiner Wege; denn ein Gräuel ist dem Herrn der Ränkeschmied, die Redlichen sind seine Freunde. Der Fluch des Herrn fällt auf das Haus des Frevlers, die Wohnung der Gerechten segnet er. Die Zuchtlosen verspottet er, den Gebeugten erweist er seine Gunst. Die Weisen erlangen Ehre, die Toren aber häufen Schande auf sich.“ (Sprüche 3, 27-35)

Ihre Pastorin Gunhild Warning




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