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MIT JOSEF DURCH DEN ADVENT


In den weihnachtlichen Krippen steht Josef meist im Hintergrund, wie jemand, der nicht viel zu sagen hat. Dieser Eindruck scheint dadurch bestätigt zu werden, dass in den Weihnachtsgeschichten alle Worte finden für das, was die Geburt Jesus in ihnen auslöst: Maria, die Hirten, die Könige. Nur Josef spricht nicht. Und doch arbeitet es wohl in ihm und davon erzählt der Evangelist Matthäus. Wenn wir uns im Advent auf das Kommen Gottes vorbereiten, dann kann es hilfreich sein, auch diese andere, uns eher fremde Perspektive des Josef in den Blick zu nehmen und uns von ihm weiter und tiefer in das Geheimnis von Weihnachten hineinführen zu lassen.

Josef war mit Maria verlobt, so erzählt der Evangelist Matthäus, als diese – nicht von ihm – schwanger wurde. Wahrlich kein Traumstart für die Heilige Familie. Eher das Gegenteil. Die Geschichte scheint gar nicht beginnen zu können. Josef hätte es sich einfach machen können. Er hätte Maria ganz offiziell aus der Verlobung entlassen können. Dann wäre alles geklärt, zumindest für ihn: ‚Von mir ist Maria nicht schwanger. Soll sie zusehen, wie sie mit einem unehelichen Kind zurechtkommt.‘ Niemand hätte Josef einen Vorwurf machen können.

Aber sich so entscheiden, das wollte Josef nicht. Blieb noch die andere Möglichkeit: Er musste Maria heimlich verlassen und damit alle Schuld auf sich nehmen. So würden die Leute sagen: ‚Die arme Maria. Er hat sie sitzengelassen und sich aus dem Staub gemacht.‘ Wie Josef sich seine Entscheidung überlegt, nimmt mich für ihn ein. Er verzichtet auf Vergeltung, obwohl er beschämt wurde. Josef ist, was man mit dem schönen Wort ‚rechtschaffen‘ beschreibt. Er will es im guten Sinne recht machen. Er will den Regeln der Gemeinschaft gerecht werden. Von daher ist klar: Trennung muss sein, wenn das Treueversprechen so offensichtlich gebrochen wurde. Aber Josef will zugleich auch Maria gerecht werden: Sie soll nicht vor aller Augen gedemütigt werden. Deshalb will er gehen, ohne Maria zu beschämen.

Doch die Geschichte geht anderes weiter. Ein Engel erscheint dem Josef im Traum. Josef hört ihm zu und lernt so, durch die vorfindliche Wirklichkeit hindurchzuschauen und die Geburt des Kindes mit der Liebe Gottes zusammenzubringen. Auf das, was Josef hört, antwortet er mit einer beeindruckenden und folgenreichen Entscheidung. Josef sagt nicht: ‚Ich bin dann mal weg‘, nein: Er sagt: ‚Ich bleibe dann mal hier!‘ Er bleibt bei Maria. Er bleibt bei Jesus. Josef bleibt, weil er glaubt. Manchmal stehen wir Gottes Wegen genauso ratlos gegenüber wie Josef. Manchmal entdecken wir nicht einmal, dass Gott anwesend ist. Damit aber muss es nicht sein Bewenden haben. Der Weg, den Josef geführt wurde, könnte auch unserer werden. Dieser Weg führt über das Hören auf Gottes Wort zum Glauben an Gottes Treue und Liebe.

Ein solches Hören – das gelingt nicht mal so eben zwischendurch oder mitten in meine Geschäftigkeit hinein. Denn Gott legt es nicht darauf an, die Geräusche unserer lauten Welt zu übertönen. Sein Reden ist in der Regel so leise, dass ein Mensch es sehr wohl überhören kann. Will ich einen Zugang zu dem finden, was Gott an Weihnachten zu uns sagt, dann brauche ich Zeit, Muße, Konzentration und die innere Bereitschaft, meine eigenen Pläne und Vorhaben mal zurückzustellen und dem Wort Gottes in mir Raum zu geben. Josef ist ein gutes und hilfreiches Beispiel, um uns in diese besondere Weise des Hörens wieder einzuüben.

Es mag noch etwas Zeit sein, bis wir die Krippenfiguren unter dem Weihnachtsbaum aufbauen. Aber vielleicht holen Sie sich den Josef schon einmal hervor, auf dass er Sie durch den Advent begleitet und wir uns von ihm anregen lassen, unsere Herzen offen zu halten und empfänglich zu werden für das, was Gott für uns bereit hält. So kann sich erfüllen, dass auch wir am Heiligen Abend im Innern durch die Weihnachtsgeschichte berührt vor der Krippe Jesu zu stehen kommen und – mit den Worten Paul Gerhards – bekennen: „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen; und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen. O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer, dass ich dich möchte fassen!“ (EG 37,4) In diesem Sinn wünsche ich Ihnen einen anregenden und aufmerksamen Weg mit Josef durch den Advent und dann ein gesegnetes und friedliches Weihnachtsfest,


Ihr Hauptpastor Dr. Jens-Martin Kruse




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