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Glauben lernen – im Gedenken an Dietrich Bonhoeffer

12.04.2019 | Vor 74 Jahren – am 9. April 1945 – wurde Dietrich Bonhoeffer ermordet. Er war 39 Jahre alt, als er in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs im KZ Flossenbürg erhängt wurde. Vor unserer Kirche erinnert ein Denkmal an ihn. Es wurde von Fritz Fleer geschaffen, von Axel Springer gestiftet und vor 40 Jahren – 1979 – eingeweiht. Die Bonhoeffer-Statue steht auf der Schwelle zwischen heiligem und öffentlichen Raum, als wolle er die Vorübergehenden, die Passanten daran erinnern, wo für Kirche steht: Beten und Tun des Gerechten, Einmischen in den Lauf der Dinge und Einlassen einer Dimension, die uns und unsere Möglichkeit übersteigt.

Wir wollen das Gedenken an Dietrich Bonhoeffer aktiv und inhaltlich gestalten. Denn Nachkommen brauchen Vorbilder. Was für das Leben allgemein gilt, das trifft auch auf den Glauben zu. Wir brauchen Menschen in unserer Nähe, die uns die Linien und Grundrisse des Glaubens vorzeichnen, sprich: die uns die biblischen Geschichten erzählen und an deren Leben wir sehen können, wie ihnen der Glaube Halt und Orientierung gibt. Dabei geht es nie um die Kopie eines anderen Lebensweges. Gute Vorbilder verlangen nicht, dass wir werden wie sie. Vielmehr wollen sie uns mit ihrem „Muster“, ihrem „Vorbild“ helfen, unsere eigenen Möglichkeiten zu entdecken und die Verantwortung für unseren Lebensweg selbst zu übernehmen. So geht es beim Gedenken an Dietrich Bonhoeffer nicht darum, ihn aufgrund seines beeindruckend konsequenten Einstehens für seinen Glauben auf einen hohen Denkmalssockel zu stellen. Das Gedenken an Glaubenszeugen macht da Sinn, wo wir uns von ihnen anregen lassen, in ein Gespräch über den Glauben und seine Bedeutung für unser Leben einzutreten.

Was für seinen Glauben kennzeichnend ist, darüber legt Dietrich Bonhoeffer in einem dramatischen Moment seines Lebens Rechenschaft ab. Einen Tag nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944, von dem Bonhoeffer wusste, schreibt er aus dem Gefängnis an seinen Freund Eberhard Bethge:

„Ich erinnere mich eines Gesprächs, das ich vor 13 Jahren in Amerika mit einem französischen jungen Pfarrer hatte. Wir hatten uns ganz einfach die Frage gestellt, was wir mit unserem Leben eigentlich wollten. Da sagt er: ich möchte ein Heiliger werden (- und ich halte für möglich, dass er es geworden ist -); das beeindruckte mich damals sehr. Trotzdem widersprach ich ihm und sagte ungefähr: ich möchte glauben lernen. Lange Zeit habe ich die Tiefe dieses Gegensatzes nicht verstanden. Ich dachte, ich könnte glauben lernen, indem ich so etwas wie ein heiliges Leben zu führen versuchte. (…) Später erfuhr ich und ich erfahre es bis zur Stunde, dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt. Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen – sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder (…) und dies nenne ich Diesseitigkeit, nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Mißerfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben, - dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, das ist ‚Metanoia‘; und so wird man ein Mensch, ein Christ.“ (Widerstand und Ergebung, S. 183)

„Glauben lernen“ – für Bonhoeffer heißt dies, „in der vollen Diesseitigkeit des Lebens“, „in der Fülle der Erfolge und Mißerfolge“, den Glauben lernen, und zwar den Glauben, der – statt die „Ratlosigkeiten des Lebens“ zu überspielen – dazu verhilft, ihnen standzuhalten.

Eine besondere Bedeutung für einen solchen Glauben besitzt Jesu Gebet in Gethsemane, wo er – aller eigenen Möglichkeiten beraubt – sich ganz in die Hände Gottes begibt und sein Vertrauen allein auf Gott setzt: „Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!“ (Markus 14,36) In dieser dramatischen Szene im Garten Gethsemane verdichtet sich, was für das ganze Leben und Sterben Jesu gilt. Worin der Sinn und die Bedeutung dieses Weges liegt, das fasst Jesus kurz und prägnant in dem Satz zusammen: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele“ (v. 45). Das Thema des Lebens Jesu ist sein Dienst an den Menschen. Das Ziel seines Lebens und Sterbens besteht in der Erlösung für viele. Der Weg zum Ziel: Jesus muss Gott mehr gehorchen als den Menschen und sich selbst und der eigenen Einsicht.

Wer wie Bonhoeffer in die Fußstapfen Jesu tritt, der tritt auf einen Weg, der zu einem neuen Leben führt, das sich freilich grundlegend von dem unterscheidet, was in dieser Welt Erfolg und Ansehen verspricht. Zwar mögen die Werte, für die Jesus einsteht, uns oft weltfremd und naiv erscheinen. Aber sie sind es nicht. Ganz im Gegenteil. Es dient nämlich unserem Leben und dem Leben unserer Mitmenschen, wenn wir beherzigen, was Jesus seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem aufgetragen hat: „Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an (v. 42). Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein (v. 43); und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein (v. 44).“

Das sind kühne und herausfordernde Worte. Sie beschreiben die Gestalt eines Lebens in der Nachfolge Jesu. Wenn Jesus dabei vom „Diener“- und „Knecht-Sein“ spricht, dann ist das keine Aufforderung zu Unterwürfigkeit und widerspruchslosem Hinnehmen. Was Jesus uns zeigt und ermöglichen will, ist vielmehr ein Leben wie es von Gott her gedacht ist. Mit dem Bild vom „Diener“ wendet Jesus uns Menschen zueinander – so sind wir eigentlich gemeint, nämlich als Menschen, die aufeinander achten und füreinander sorgen. In besonders dramatischen Lebenssituationen kann das dann auch bedeuten, dass wir uns selbst, als ganze Person dafür zur Verfügung stellen, uns so wie Jesus brauchen zu lassen – auch ohne, dass wir das Ende schon absehen könnten.

Nachkommen brauchen Vorbilder, von denen sich der Glaube und ein Leben in der Nachfolge Jesu lernen lassen. Ein solches Glaubensvorbild ist Dietrich Bonhoeffer. Im Vertrauen auf Jesus hat er nicht gezögert, die Botschaft des Evangeliums auch in fürchterlichsten Zeiten und unter steter Gefährdung seines eigenen Lebens mitten in diese Welt hineinzutragen. Er wusste sich gehalten von dem Gott, der an Ostern gezeigt hat, dass der Tod kein Argument mehr gegen das Leben ist. Bonhoeffer schreibt:

„Wo aber erkannt wird, dass die Macht des Todes gebrochen ist, wo das Wunder der Auferstehung und des neuen Lebens mitten in die Todeswelt hineinleuchtet, dort verlangt man vom Leben keine Ewigkeiten, dort nimmt man vom Leben, was es gibt, nicht Alles oder Nichts, sondern Gutes und Böses, Wichtiges und Unwichtiges, Freude und Schmerz. Dort hält man das Leben nicht krampfhaft fest, aber man wirft es auch nicht leichtsinnig fort. Dort begnügt man sich mit der bemessenen Zeit und spricht nicht irdischen Dingen Ewigkeit zu. Dort lässt man dem Tod das begrenzte Recht, das er noch hat. Den neuen Menschen und die neue Welt aber erwartet man allein von jenseits des Todes her, von der Macht, die den Tod überwunden hat. Der auferstandene Christus trägt die neue Menschheit in sich, das letzte herrliche Ja Gottes zum neuen Menschen.“ (Dietrich Bonhoeffer Werk, Band 6, S.79)

Nachkommen brauchen Vorbilder. Am Leben und dem zutiefst berührende Glaubenszeugnis Dietrich Bonhoeffers lässt sich sehen und lernen, dass ein Weg in der Nachfolge Jesu reiche Früchte trägt. Er ermutigt uns zu einem solchen Leben und stiftet dazu an, auch heute den Frieden Gottes zu den Menschen zu bringen und Versöhnung mitten in dieser Welt zu leben.

Ihr Hauptpastor Dr. Jens-Martin Kruse

 

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