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Sunday, 23. January 2022

Ich will dem HERRN singen mein Leben lang und meinen Gott loben, solange ich bin.

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Weihnachtsbrief

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde der Hauptkirche St. Petri, liebe Schwestern und Brüder in Christo!

17.12.2021 | Frozen – Eingefroren. Vielleicht kennen Sie das: Bei den vielen zoom-Konferenzen, die inzwischen zu unserem Leben gehören, passiert es immer wieder, dass die Internetverbindung schwach wird, Personen erstarren und der Kontakt abbricht. Frozen – Eingefroren. Eine Erfahrung nicht nur aus der digitalen Welt. Das ist auch ein Sinnbild für vieles, was wir in der Corona-Pandemie erleben. Erneut wird die Weihnachtszeit nicht von Nähe und Gemeinschaft in gewohnter Weise geprägt sein, sondern von Kontaktbeschränkung, Distanz und Vereinzelung. Die Maßnahmen sind notwendig, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Doch je länger die Pandemie dauert, umso wichtig wird es, darauf zu achten, dass wir uns nicht an das 'eingefrorene' Leben gewöhnen.

Wichtig ist, dass wir uns nicht daran gewöhnen, Begegnungen zu vermeiden, Beziehungen zu reduzieren und Verantwortung nur noch für sich selbst zu übernehmen. Immer schwieriger erscheint es gerade, die Verhaltensweisen und Einstellungen aufzubringen, die in diesen Zeiten besonders nötig wären, nämlich: Freundlichkeit und Aufmerksamkeit, Verständnis und Respekt, Ausgleich und die Bereitschaft, die eigenen Befindlichkeiten auch mal beiseite zu schieben, um einen Raum des Zuhörens zu schaffen und zu entdecken, wie es anderen geht und was ihnen jetzt guttun würde.

"Mir ist Josef wichtig geworden"

In diesem Zusammenhang ist mir eine Figur aus der Weihnachtsgeschichte in neuer Weise wichtig geworden: Josef. Gewöhnlich steht er diskret am Rande, wie jemand, der zwar dazu gehört, aber eher eine Nebenfigur ist. Doch auch wenn sich Josef – sympathischer Weise – nicht in den Vordergrund drängt, so ist er doch ein entscheidender Protagonist der Weihnachtsgeschichte, von dem manch bedenkenswerte Anregungen und Hinweise für unseren Glauben und unser Verhalten in Pandemiezeiten ausgehen.  

Das erste, was mich für Josef einnimmt, ist seine Entscheidung, aus dieser für ihn von Anfang an schwierigen Geschichte nicht auszusteigen. Viel hätte dafür gesprochen, Maria ganz offiziell aus der Verlobung zu entlassen und zu sagen: ‚Von mir ist Maria nicht schwanger. Soll sie zusehen, wie sie mit einem unehelichen Kind zurechtkommt.‘ Niemand hätte Josef einen Vorwurf machen können. Sein Verhalten hätten den gesellschaftlichen Gepflogenheiten der damaligen Zeit entsprochen. Dass Josefs Geschichte anders weitergeht, hat damit zu tun, dass Gott eingreift. Er schickt einen Engel, der Josef im Traum einen anderen Blick auf Gottes Plan mit dieser Geschichte ermöglicht. Und wieder reagiert Josef nicht mit einem: 'Ich bin dann mal weg', sondern er sagt: 'Ich bleibe dann mal hier!' Josef steigt aus dieser Geschichte nicht. Er nimmt sie als seine Lebensaufgabe an. Obwohl das viel von ihm fordert: Das Gerede, der Klatsch und Tratsch der anderen. Der Verzicht auf eigene Lebenswege und Zukunftspläne. Statt danach zu fragen, was es ihm bringt, setzt Josef sich für Maria und ihr Kind ein und teilt mit ihnen die Lebensressourcen, die ihm zur Verfügung stehen.

Ein riskanter Einsatz

Wie riskant sein weihnachtlicher Einsatz ist, zeigt sich in dem Moment, als nach der Geburt Jesu die Häscher des Königs Herodes nach neugeborenen Kind suchen, um es zu töten. Nun wird auch für Josef sehr gefährlich. Der König ist bei weitem mächtiger als der kleine Zimmermann. Spätestens jetzt hätte Josef sagen können: 'Was kümmert es mich, es ist nicht mein Kind. In dieser Gefahr für mein Leben muss ich mich selber retten.' Doch auch in diesem dramatischen Augenblick, als es um das Ganze von Weihnachten geht, steigt Josef aus dieser Geschichte nicht aus, sondern übernimmt trotz aller Ängste, Unsicherheit und Risiken Verantwortung. Unverzüglich tut er das, was notwendig ist, um Jesus eine Zukunft zu ermöglichen. Und das bedeutet: Josef riskiert sein eigenes Leben, um das Leben des neugeborenen Kindes und seiner Mutter zu schützen. Er machten sich mit ihnen auf den unsicheren und gefährlichen Flüchtlingsweg in ein fremdes Land: „Da stand Josef auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten“ (Mt 2,14).

Josef, der so häufig still und diskret am Rande steht, ist keine Nebenfigur der Weihnachtsgeschichte, sondern mit seiner Hingabe und Fürsorge ein Glaubensvorbild für uns. Mit Josef gibt die Bibel eine Antwort auf die alte Geschichte vom Brudermord. Hatte Kain auf Gottes Frage nach Abel geantwortet: "Soll ich meines Bruders Hüter sein?" (1. Mose 4,9), so können wir von Josef lernen, dass wir im Glauben immer dazu berufen sind, Hüter unserer Brüder und Schwestern zu sein und das meint: Menschen, die für die Ohnmächtigen und Kleinen, die Armen und Fremden, die Einsamen und Ausgegrenzten da sind und sie beschützen.

Kein „Ich“ ohne ein „Wir“

Wir werden die Krise der Pandemie nicht bewältigen, wenn es uns nicht gelingt, neu zu entdecken, dass ein „Ich“ ohne ein „Wir“ nicht leben kann. Wir müssen daher anders und neu den Zusammenhalt zwischen uns Menschen gestalten. Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, zueinander auf Distanz zu gehen. Das Zusammenleben von Menschen kann nur dort human sein, wo Menschen  – so wie Josef  – zu hingebungsvoller Liebe bereit sind.

Natürlich ist es wichtig, sich vor Ansteckung zu schützen und die Gefahr der Verwundung niedrig zu halten. Aber genauso wichtig ist die Frage, wo es notwendig ist, nicht in der eigenen Unverwundbarkeit oder hinter hohen Schutzmauern zu verharren, sondern Hingabe und Fürsorge zu wagen, um anderen Menschen Leben zu ermöglichen. Genau dazu ermutigt uns Gott, der an Weihnachten den sicheren Himmel verlässt, um uns bedrohten, verängstigten und niedergeschlagenen Menschen nahe zu sein und uns mit seiner Liebe, Zuneigung und Freundlichkeit aufzurichten.

Mir ist Josef in diesen schwierigen Zeiten ein wichtiger und erstaunlich aktueller Gesprächspartner geworden. Wenn es Ihnen ähnlich ergeht, dann rücken Sie seine Figur doch in diesem Jahr in Ihrer Krippe Zuhause etwas mehr in den Vordergrund, so dass der Blick immer mal wieder auf ihn fällt und wir von ihm uns ermutigen lassen, mit Augenmaß und Vernunft, Kreativität, Hingabe und Verantwortungsbewusstsein möglichst viel von dem tun, was unter den gegenwärtigen Bedingungen der Pandemie an Gemeinschaft und Nähe, an Aufmerksamkeit und Solidarität, an Fürsorge und Schutz verletzlichen Leben, an Alltag und Festlichkeit möglich ist.

Ich freue mich sehr, mit Ihnen gemeinsam Weihnachten zu feiern und wünsche Ihnen und Ihren Lieben – auch im Namen von Pastorin Gunhild Warning und Pastor Krischan Heinemann – ein gesegnetes und friedliches Weihnachtsfest!

Mit herzlichen Grüßen,
Ihr

Hauptpastor Dr. Jens-Martin Kruse

 

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